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11.02.2022

Interview zum internationalen Tag des Notrufs 112

Der Tag des europäischen Notrufs 112 ist jedes Jahr am 11.2., am 11. Februar. Anlässlich des besonderen Tags haben wir mit Alarm Phone gesprochen, der Notrufnummer für das Mittelmeer und die EU-Außengrenzen. Geraten Geflüchtete in Seenot, verständigt Alarm Phone die zuständigen Behörden und drängt auf schnelle Rettung. Seit seiner Gründung 2014 hat Alarm Phone so zur Rettung zehntausender Menschenleben beigetragen.

Was ist das Alarm Phone? Und was geschieht hinter den Kulissen, wenn beim Alarm Phone ein Notruf eingeht?

Wir sind ein Netzwerk von etwa 200 Freiwilligen in über 10 Ländern in Europa und Nordafrika. auch Menschen, die selbst per Boot nach Europa kamen, helfen bei uns mit. In einem Schichtsystem nehmen wir rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr Notrufe über die Telefonnummer +334 86 51 71 61 entgegen. Wir arbeiten also wie andere Rettungsleitstellen auch, nur rein ehrenamtlich und speziell für Seenotfälle auf dem Mittelmeer. Wenn ein Notruf eingeht, beruhigen wir die Menschen auf den Booten zunächst und versuchen, ihre Position möglichst genau zu ermitteln. Dann informieren wir die zuständigen Behörden und machen Druck, damit die Menschen gerettet werden. Im zentralen Mittelmeer arbeiten wir eng mit den zivilen Rettungsschiffen zusammen, die – sofern sie nicht gerade blockiert werden – oft schnell reagieren können. Die staatlichen Küstenwachen helfen oft gar nicht mehr oder gehen nicht einmal ans Telefon. Manchmal können wir auch Handelsschiffe zu Hilfe rufen. Wenn keine Hilfe kommt, skandalisieren wir die unterlassene Hilfeleistung: über die Presse, Politiker*innen oder auch die Kirche. Mit dem Druck der Öffentlichkeit können wir zumindest in Einzelfällen manchmal erreichen, dass Rettung geschickt wird. Mehr als 4400 Booten in Seenot haben wir so seit unserer Gründung geholfen. Die detaillierte Dokumentation der Geschehnisse auf dem Mittelmeer, Recherchen und Pressearbeit gehören auch wesentlich zu unserer Arbeit.

Wo befinden sich die Notfälle?

Die Notfälle, die beim Alarm Phone eingehen, befinden sich in der Ägäis zwischen der Türkei und Griechenland, im zentralen Mittelmeer zwischen Libyen, Tunesien, Algerien und Italien, sowie im westlichen Mittelmeer. Also zwischen Marokko und Spanien und im Atlantik auf der Route Richtung Kanarische Inseln. In den vergangenen Monaten erreichten uns auch Notrufe von Booten im Ärmelkanal und auch von der polnischen und litauischen EU-Grenze zu Belarus. Die Notfälle erreichen uns also von überall entlang der EU-Außengrenze, wo auch immer sich Menschen in absoluter Lebensgefahr befinden.

Oft rufen auch Verwandte und Freund*innen von Menschen an, deren Angehörige über das Mittelmeer reisen wollten, die aber lange nichts mehr von ihnen gehört haben. Sie haben Angst um ihre Liebsten und befürchten, dass sie ertrunken sein könnten. Der Kontakt zu diesen Menschen ist oft sehr wichtig, da sie manchmal Details kennen, wie beispielsweise Ort und Zeit der Abfahrt eines Bootes. Solche Informationen helfen uns, mögliche Positionen zu ermitteln, damit nach einem verlorenen Boot gesucht werden kann.

Wie gehen die Ehrenamtlichen mit der unglaublichen Belastung um?

Besonders belastend ist, wenn viele Notrufe gleichzeitig eingehen und wir entscheiden müssen, welcher Fall Vorrang hat und wo und wie wir am schnellsten etwas tun müssen. Der Druck ist enorm groß und wir dürfen keine Fehler machen, z.B. Positionen falsch zu verstehen und weiterzugeben. Wir haben Angst, dass rettende Hilfe zu spät eintreffen könnte. Und wir sind wütend und verzweifelt, wenn Küstenwachen die Notrufe ignorieren anstatt Menschenleben zu retten. Am schwierigsten ist es, wenn wir mit Menschen auf Booten sprechen, die akut unterzugehen drohen oder auf denen es schon Tote gibt. Wir versuchen, ihnen trotz allem Hoffnung zu schenken und zu verhindern, dass Panik auf dem Boot ausbricht, die womöglich zum Kentern führt. Unerträglich ist es, Verwandten und Freund*innen die Nachricht überbringen zu müssen, dass ihre Liebsten ertrunken sind und nicht gerettet werden konnten.

Um mit den Belastungen unserer Arbeit umzugehen, ist es wichtig, dass wir nie allein eine Notruf-Schicht machen, sondern immer mindestens zu zweit sind. So können wir uns gegenseitig unterstützen. Wir sind untereinander auch in engem Kontakt, treffen uns in kleinerem Kreis und etwa zwei Mal im Jahr auch mit dem gesamten Alarm Phone-Netzwerk. Diese Gemeinschaft hilft, die Erfahrungen und Probleme zu verarbeiten, manchmal auch mit professioneller Supervision.

Was muss sich ändern, damit das Sterben im Mittelmeer endlich aufhört?

Das Sterben im Mittelmeer könnte längst Vergangenheit sein, wenn das derzeitige europäische Grenz- und Visaregime aufgelöst würde. Ohne grundlegende Veränderungen werden die bisherigen Unglücke und die vielen Tausenden Ertrunkenen nur der Anfang von vielen weiteren Toten im Mittelmeer sein.

Die vergangenen 20 Jahre haben gezeigt, dass durch die Militarisierung der EU-Außengrenze die Fluchtrouten immer lebensgefährlicher werden. Auch wenn Wege nach Europa blockiert werden, sei es durch neue Überwachungsmethoden oder die Auslagerung von Verantwortung auf höchst fragwürdige Regime wie Libyen, kommen doch weiterhin Menschen über das Mittelmeer nach Europa. Je höher die Mauern der Festung Europa werden, desto längere, teurere und gefährlichere Routen müssen fliehende Menschen auf sich nehmen. Die vielbeschworenen kriminellen Schlepper wären sofort Geschichte, wenn Menschen Europa auf legalem Weg erreichen könnten. Das europäische Visa-Regime, das legale Wege verhindert, statt Möglichkeiten zu eröffnen, wurde erst vor 25 Jahren installiert.

Insofern ist es unser Ziel als Alarm Phone, das Mittelmeer zu einem Ort der Solidarität zu verwandeln, mit offenen Grenzen für alle Menschen und uns dadurch irgendwann überflüssig zu machen.

Danke für das Gespräch und eure unverzichtbare Arbeit!

Spendenkonto

United4Rescue – Gemeinsam Retten e.V.
IBAN: DE93 1006 1006 1111 1111 93
BIC: GENODED1KDB
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