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27.07.2026

„Jedes dieser Stücke, die ich fotografiert habe, zeigt eine zerbrochene Hoffnung.“

Die Ausstellung Traces des Fotografen Christian Weiß richtet den Blick auf die materiellen Spuren („Traces“) von Flüchtenden entlang der EU-Außengrenzen. Sie kann bis zum 8. August 2026 jeden Samstag von 15 bis 18 Uhr (oder nach Absprache mit dem Fotografen) im Kulturzentrum Klapperfeld in Frankfurt besucht werden.

Was war die Inspiration für Ihre Ausstellung?

Meine große Leidenschaft ist die Fotografie. Ich habe ganz zufällig den Film „Green Border“ gesehen, der an der Grenze von Belarus zu Polen spielt. Und ich saß im Kino und habe geweint. Ich dachte mir: „Ja, ich kenne auch so eine vergessene Grenze.“ Ich hatte in den neunziger Jahren im Krieg auf dem Balkan als Journalist gearbeitet. Ich habe bei meinen Kollegen und Freunden von damals angerufen und gefragt: „Gibt's bei euch Pushbacks?“ „Ja, jeden Tag. Du kannst vorbeikommen.“

2024 bin ich für eine Woche nach Bihać gefahren, was ziemlich direkt an der Grenze zwischen Bosnien und Kroatien liegt. Mein Plan war, Flüchtlinge zu begleiten. Mir wurde jedoch schnell bewusst, dass das sehr gefährlich sein kann. Ich bekam aber den Kontakt zu einem Schleuser, der mich an Grenzübergänge geführt hat. Auf dem Weg dorthin lagen Gegenstände. Mal Schuhe, mal Medikamente, zerrissene Pässe, Unterwäsche; teilweise zerstört, teilweise noch funktionstüchtig. Ich fragte: „Was ist das?“ Nach kurzem Zögern sagte er: „Wenn's ein Pushback gibt, wird den Leuten all ihr Hab und Gut abgenommen und zerstört, damit sie's nicht noch mal versuchen.“

Da war mir klar, das ist die Geschichte, die ich erzählen möchte. Denn jedes dieser Stücke, die ich fotografiert habe, zeigt eine zerbrochene Hoffnung auf einen Übertritt in die Europäische Union, in ein besseres Leben. Flüchtlinge versuchen generell, nicht aufzufallen. Diese Gegenstände, die herumlagen und auch heute noch dort liegen, sind quasi die Spuren, die sie hinterlassen auf ihrem Weg durch die Welt.

Können Sie einen Gegenstand beschreiben, der bei Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Ja: zwei. Nachdem ich in Bosnien war, dachte ich mir, es gibt auch andere Grenzen, die so sind. Zum Beispiel die Grenze zwischen Frankreich und England. Ich bin eine Woche in Boulogne-sur-Mer gewesen und am letzten Tag über einen Strand gelaufen. Da lag eine Plastiktüte, die zugeschnürt war. Drinnen lag ein Gebetbuch, komplett durchnässt. Und du denkst dir: „Scheiße, hoffentlich ist nur dieses Teil vom Boot gefallen.“

Ich bin hundert Meter weiter gegangen, und da lag in den Dünen ein kleiner grauer Rucksack. Ich machte ihn auf und mir fielen zwei wasserdicht eingepackte Handys in die Hände; Damenunterwäsche, Sanitärartikel, Kosmetikartikel. Da denkst du wieder: „Hoffentlich ist nur der Rucksack ins Wasser gefallen.“

Hundert Meter weiter lag ein zerstörtes Schlauchboot. Dann wird dir richtig bewusst, worum es hier geht: die Menschen, die ihr gesamtes Hab und Gut am Leib getragen haben. Ich weiß nicht, was ihnen passiert ist, ob sie ihr Leben verloren haben.

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© Christian Weiß: Vrnograc, Bosnien

Wie ist es, solche Gegenstände an Orten zu fotografieren, wo gleichzeitig viele Menschen Urlaub machen?

Letztes Jahr war ich auf Teneriffa, was ja ein beliebtes Touristengebiet ist, um mir die Atlantik-Route anzuschauen. Jeden Morgen werden die Strände von solchen Sachen geräumt, gesäubert, damit Tourist:innen nicht verstört werden.

Das ist ein Leben zwischen zwei Welten: zwischen Menschen, die fliehen müssen – und Menschen, die hier ihre Freizeit genießen, in der Sonne liegen und nichts tun.

Was haben Sie Neues über die EU-Grenzen oder die Flüchtlingspolitik gelernt?

Ich persönlich bin sehr demütig geworden, weil wir hier in Europa extrem gut und extrem reich leben. Es macht dich dankbar, aber auch ein bisschen verzweifelt, weil du nicht weißt, wie du den Menschen, die fliehen, helfen kannst.

Die aktuelle Flüchtlingspolitik ist für mich einfach nur darauf ausgerichtet, um jeden Preis zu bewahren, was wir hier haben, eine Mauer um Europa zu ziehen und dafür auch Leute sterben zu lassen.

Haben Sie Hoffnung, dass man durch diese persönlichen Geschichten die Situation besser verstehen kann?

Das Klapperfeld ist das ehemalige Polizeigefängnis der Stadt Frankfurt. Es war im Dritten Reich Gestapogefängnis und im Anschluss an den Krieg bis 2002 auch Abschiebegefängnis. Das heißt, bis 2002 saßen dort Leute ein, die genau das erlebt haben, was ich an den EU-Außengrenzen gesehen habe.

Meine Ausstellung besuchen Menschen, deren Verwandte dort schon im Gefängnis saßen, in der Abschiebehaft. Für mich ist es eine Frage der Humanität, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Meine Mutter war selbst Flüchtling.

© Christian Weiß: Ausstellung im Klapperfeld

Manche Besucher:innen verlassen die Ausstellung schnell, weil sie sich mit den Geschichten nicht auseinandersetzen wollen. Andere knien sich hin und nehmen die Bilder in die Hand, weil auf der Rückseite jedes Bilds steht, wo der Gegenstand gefunden wurde. Sie versuchen, die Geschichten zu fassen, und sagen beim Rausgehen: „Danke.“

Als Fotograf versucht man, eine Geschichte zu erzählen, aber auch eine Botschaft zu vermitteln. Doch die Botschaft kann nur ankommen, wenn man sich darauf einlässt. Das, denke ich, ist unser größtes Problem heute: dass viele Menschen sich nicht mit dem Leid und der Grausamkeit auseinandersetzen wollen.

Was möchten Sie bei den Besucher:innen mit der Ausstellung bewirken?

Dass sie ins Nachdenken kommen.

Meine Bilder hängen nicht an den Wänden. Vielmehr habe ich die Räume mit Laub und Moos ausgestattet und die Bilder auf den Boden gelegt. Die Besucher:innen müssen also nach unten schauen oder sich hinab begeben, um mit ihnen in Kontakt zu treten. In der Luft hängen Zitate von Flüchtlingen, die beschreiben, wie es ihnen auf der Flucht ergangen ist.

Ich bin Idealist. Ich habe die Hoffnung, dass sich vielleicht durch meine Ausstellung etwas im Umgang mit Flüchtlingen ändert. Wenigstens diesen Denkanstoß möchte ich geben, dass Besucher:innen ins Nachdenken kommen.

Was würden Sie sich von der Gesellschaft oder Politik wünschen?

Ich wünsche mir ganz klar mehr Humanität. Uns muss klar sein, was es mit einem Menschen macht, wenn er nach seiner lebensgefährlichen Flucht in Deutschland ankommt und jahrelang auf einen Asylbescheid warten muss. Das sind Jahre eines Lebens, die einfach tot sind. Eine Zeit, in der man Hoffnungen begräbt, in der man auch ganze Lebensgeschichten und Karrieren begräbt.

Wir müssen eine Lösung finden. Es kann nicht sein, dass wir Tausende Menschen auf dem Weg hierher einfach sterben lassen. Politik ist immer ein Kompromiss, also müssen wir auch eine Lösung für alle finden. Ich bin kein Politiker. Ich habe keine Patentlösung.

Ich sitze oft abends selbst in der Ausstellung. Es macht mich traurig, dass wir aktuell nicht mal nach einer Lösung suchen. Wir versuchen, dieses Problem wegzuschieben, wegzuhalten. Und das auf Kosten von Menschenleben.

***

Das Interview wurde mündlich von Sasha Ockenden geführt.

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