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18.05.2026

Humanity 2

Wenn Menschen an Rettungsschiffe in der zivilen Seenotrettung denken, haben die meisten sicherlich kein Segelschiff vor Augen. Tatsächlich sind aktuell jedoch immer mehr Segelschiffe im Mittelmeer im Einsatz – darunter ab sofort auch unser neues Bündnisschiff, die Humanity 2! Wir haben mit Till Rummenhohl, Geschäftsführer von SOS Humanity seit 2023, gesprochen.

Mit der Humanity 2 wird bald ein weiterer Motorsegler zur zivilen Flotte hinzukommen. Was sind die Vorteile eines Segelschiffs entlang der Fluchtrouten im Mittelmeer?

Segelschiffe haben sich in den letzten Jahren als effiziente Einsatzschiffe im Mittelmeer erwiesen. Ein motorisiertes Segelschiff kann dabei besonders vielseitig eingesetzt werden – kostengünstig, umweltfreundlich und flexibel.
Die Humanity 2 eignet sich besonders gut für den Einsatz in internationalen Gewässern vor Tunesien – ein Seegebiet, in dem die großen Rettungsschiffe weniger präsent sind und sich in den letzten Jahren eine neue Fluchtroute etabliert hat. Genau dort wird unsere Crew eine tödliche Lücke füllen: Menschen in Seenot suchen, unterstützen, retten und rechtswidrige Rückführungen dokumentieren. Dank des Segelantriebs können wir lange Zeiten im Einsatzgebiet kreuzen, ohne hohe Kosten oder Emissionen zu erzeugen und somit wichtige und stetige Präsenz erreichen. Das bringt uns auch zu einem weiteren Vorteil: die Wege zu den zugewiesenen Häfen sind für kleinere Schiffe deutlich kürzer. Das spart Treibstoffkosten und ermöglicht vor allem eine schnelle Rückkehr ins Einsatzgebiet. Dort, wo Hilfe dringend gebraucht wird.

Die zivile Seenotrettung ist keine Einzelmission, sondern ein Netzwerk aus verschiedenen Organisationen und Mitteln. Wie funktioniert die Zusammenarbeit der kleineren Segelschiffe mit größeren Schiffen und den Aufklärungsflugzeugen?

Die Zusammenarbeit funktioniert gut. Wir sind alle miteinander vernetzt und koordinieren uns im Einsatzgebiet so gut es geht. Große Schiffe positionieren sich vor allem in internationalen Gewässern im Seegebiet vor Libyen, während kleinere Schiffe etwas nördlicher bleiben – von wo aus sie sowohl auf Seenotfälle in der libyschen als auch der maltesischen, tunesischen und italienischen Such- und Rettungsregion reagieren können. Das macht uns flexibel und erhöht die Gesamtpräsenz im zentralen Mittelmeer.
Die Aufklärungsflugzeuge sind dabei unverzichtbar. Sie sehen, was wir von Deck aus nicht sehen können – und das meist früher als jedes Schiff. Ohne sie würden wir viele Seenotfälle schlicht nicht rechtzeitig finden.

In welchen Gebieten soll die Humanity 2 vor allem unterwegs sein, und warum?

Die Humanity 2 wird vor allem im Seegebiet zwischen Tunesien und Lampedusa eingesetzt, einem der am wenigsten überwachten Abschnitte der zentralen Mittelmeerroute. Die Menschen, die dort fliehen, sind oft auf grob zusammengeschweißten Metallbooten unterwegs, die in Sekunden sinken können. Satellitentelefone sind in Tunesien verboten, viele fliehende Menschen haben deshalb keine Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen. Diese Route ist deshalb bekannt für Schiffsunglücke, von denen man nie erfahren wird, was passiert ist.
Seit dem EU-Abkommen mit Tunesien 2023 und der Einrichtung einer tunesischen Such- und Rettungszone 2024 ist zudem das Risiko gewaltsamer Rückführungen durch die tunesische Küstenwache deutlich gestiegen. Augenzeugenberichte belegen schwere Menschenrechtsverletzungen, die bislang kaum dokumentiert werden und deshalb weitgehend unsichtbar bleiben. Diese zu dokumentieren und aufzuzeigen wird neben der Suche nach Seenotfällen eine der zentralen Aufgaben der Humanity 2 sein.

Welche Rolle spielen die Wetterbedingungen bei der Einsatzplanung?

Die Wetterbedingungen spielen bei der Einsatzplanung eine zunehmend komplexe Rolle. Das Mittelmeer verändert sich durch die Klimakrise. Wetterextreme werden häufiger und unberechenbarer. Gleichzeitig finden Abfahrten längst nicht mehr nur bei ruhiger See statt. Menschen brechen bei gutem, wie bei schlechtem Wetter auf, weil sie keine Wahl haben. Das bedeutet für uns, wir patrouillieren, solange es die Sicherheit der Crew erlaubt.

Wenn ihr Geflüchtete in Seenot entdeckt oder gemeldet bekommt: Was passiert dann genau? Wie läuft ein Einsatz der Humanity 2 ab und welche Aufgaben übernimmt sie?

Wir haben rund um die Uhr zwei Personen auf Brückenwache, eine scannt mit dem Fernglas den Horizont, die andere überwacht Radar und Funk. Sobald wir ein Boot in Seenot sichten oder einen Hinweis bekommen, alarmieren wir die Crew, die sich dann schnellstmöglich auf den Ernstfall vorbereitet, gleichzeitig informieren wir die zuständigen Rettungsleitstellen der umliegenden Küstenstaaten.

Unser kleines Schnellboot geht als erstes ins Wasser, um die Lage zu beurteilen: Wie viele Menschen sind an Bord? Wie ist der Zustand des Bootes? Gibt es medizinische Notfälle? Auf Basis dieser Einschätzung entscheiden wir, wie wir weitermachen und das ist ein entscheidender Unterschied zu den großen Schiffen: Wir haben mehrere Optionen. Wir können ein Boot begleiten, es vor Ort stabilisieren und die italienische Küstenwache zur Rettung anfordern, oder alle Menschen direkt an Bord der Humanity 2 evakuieren, sollte die Situation zu kritisch werden und die italienische Küstenwache nicht rechtzeitig eintreffen. Diese Entscheidung wird laufend neu bewertet, denn Situationen auf See können sich innerhalb von Minuten drastisch verändern.

Eine Rettung ist erst der Anfang. Danach beginnt die Versorgung der Menschen an Bord. Wie viele gerettete Menschen finden auf der Humanity 2 Platz, wie werden sie versorgt und wie lange dauert die Fahrt bis zu einem sicheren Hafen in Europa?

Die Humanity 2 ist für die Erst- und Notfallversorgung ausgelegt, nicht für eine längere Unterbringung. Im Notfall können wir aber über 100 Menschen auf dem Vorderdeck aufnehmen. Dort sind sie allerdings ungeschützt, dem Wind und Wetter ausgesetzt.

An Bord haben wir eine 15 Quadratmeter große Bordklinik eingebaut für die medizinische Erst- und Notfallversorgung sowie einen geschützten Bereich für Frauen und Kinder. Sobald die Menschen an Bord sind, werden Wasser, Essen und Decken verteilt.

In der Regel sind sie maximal zwölf Stunden bei uns an Bord, so lange dauert die Fahrt bis zum nächstgelegenen sicheren Hafen.

Hinter jedem Einsatz stehen Menschen, die bereit sind, unter oft extremen Bedingungen zu arbeiten. Wie groß ist eure Crew auf der Humanity 2 und welche Aufgaben übernehmen die einzelnen Mitglieder? Und wie findet ihr Menschen, die mitmachen?

Die Humanity 2 fährt mit einer Crew von zehn Personen. Das bedeutet, dass viele Crewmitglieder mehrere Rollen gleichzeitig übernehmen und jede einzelne Person zählt. Wie eine Crew konkret zusammengesetzt ist, variiert je nach Einsatz.
An Bord brauchen wir nautisches und technisches Personal für den Schiffsbetrieb, eine SAR-Koordination, die alle Rettungsoperationen leitet, ein „RHIB“-Team für den Rettungseinsatz mit unserem Schnellboot, ein medizinisches Team, eine Care-Koordination für die Betreuung der Geretteten, einen Schutzbeauftragten sowie eine Person für Kommunikation und Dokumentation. Jede Rolle ist essenziell.
Wer mitmachen möchte, kann sich direkt über unsere Website bewerben. Wir sind immer auf der Suche nach Menschen, die ihre Fähigkeiten einbringen wollen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Deine Arbeit bedeutet, täglich mit großem Leid konfrontiert zu sein. Was motiviert dich, trotz aller Herausforderungen weiterzumachen?

Ich arbeite jeden Tag an etwas, das mich frustriert. Das klingt seltsam, aber für mich ist es ein Antrieb. Die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Migration umgehen, ist für mich eine der zentralen Fragen unserer Zeit. Sie berührt so viele wichtige Kernfragen: wie wir Menschenrechte verstehen, welche Leben wir für schützenswert halten, wo Europa seine eigenen Werte aufhört zu verteidigen. Die Antworten, die wir gerade als Gesellschaft geben, machen mich wütend. Aber Wut kann auch produktiv sein, wenn man sie in Arbeit verwandeln kann. Und diese Arbeit hier ist konkret. Jeder Mensch, den wir aus Seenot retten, ist eine reale Person. Das ist kein Abstraktum. Das hält mich dran und wenn wir es nicht mehr machen, dann macht es keiner mehr.

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IBAN: DE93 1006 1006 1111 1111 93
BIC: GENODED1KDB
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