06.10.2026
„Es ist eine Frage der Verzweiflung“
Alejandra Rodríguez Sánchez promovierte 2022 in Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist derzeit als Postdoktorandin an der Universität Potsdam tätig. Zuvor arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei DeZIM (Berlin), wo sie als Hauptautorin einer in „Nature“ veröffentlichten Studie fungierte, in der untersucht wurde, ob zivile Seenotrettung mehr Migrant:innen dazu veranlasst, das Mittelmeer zu überqueren.
Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit dem Thema Seenotrettung im Mittelmeer zu befassen?
Ich begann meine Tätigkeit beim DeZIM, dem Deutschen Zentrum für Migrations- und Integrationsforschung, und dort wurde jemand mit statistischen Kenntnissen für die Arbeit an diesem Projekt gesucht.
Es gab die Forschungsfrage: Ist die Seenotrettung im Mittelmeer ein „Pull-Faktor“ oder nicht? Die These vom „Pull-Faktor“ besagt: Wenn es mehr Seenotrettungskapazitäten gibt, wenn mehr Menschen gerettet werden, dann werden mehr Menschen versuchen, das Mittelmeer zu überqueren – das ist Ursache und Wirkung (Kausalinferenz). Es handelt sich um ein umstrittenes Thema, und das DeZIM war daran interessiert, wie gut diese These empirisch belegt ist.
Es gab bereits einige Studien zu diesem Thema, doch handelte es sich dabei nicht um Studien zur Kausalinferenz, sondern um Untersuchungen, ob eine statistisch signifikante Korrelation vorlag. Eine Korrelation sagt nicht wirklich etwas darüber aus, warum Menschen die Überfahrt wagen, denn es könnte so viele andere Faktoren geben, die die Zahl der Ankünfte erhöhen: Bürgerkriege oder Wirtschaftskrisen, die zeitgleich mit dem Ausbau der Seenotrettungskapazitäten auftreten.
Sie haben sich also nicht nur mit der Korrelation befasst, sondern vielmehr damit, was die Ursachen für die Überfahrt sind und ob die Seenotrettung möglicherweise eine davon ist?
Ja, das war eine der Ursachen, die wir zu isolieren versuchten – oder zumindest eine der vermuteten Ursachen.
Als Erstes habe ich versucht, mir einen Überblick über die Datenlandschaft zu verschaffen. Dazu habe ich mir Projekte wie das „Missing Migrants Project“ angesehen. Was mir dabei besonders auffiel, war die Zahl der Todesfälle. Das war zwar nicht der Schwerpunkt der Studie, doch es wurde recht schnell klar, dass es ein wichtiges Thema war, auch wenn die Daten zu den Todesfällen sehr lückenhaft sind. Einer der Vorwürfe gegen Rettungskräfte lautet, dass Seenotrettungsmaßnahmen, sofern sie als „Pull-Faktor“ wirken, möglicherweise auch zu mehr Todesfällen führen könnten, da mehr Menschen ihr Leben riskieren würden.
Anschließend versuchten wir, andere mögliche Faktoren zu erfassen, darunter Wirtschaftskrisen, Konflikte und Veränderungen der Arbeitsbedingungen in Europa – dem Zielort, den die meisten Menschen, die das Mittelmeer überqueren, anstreben. Wir untersuchten einige Wirtschaftsindikatoren, die als Indikatoren für die Lebensbedingungen in Libyen dienen könnten. Auch Wettervariablen flossen in die Analyse ein.
Der nächste Schritt: Mit welchem Studiendesign lässt sich die Forschungsfrage nach Ursache und Wirkung beantworten? Ich stieß auf den Ansatz der „Vorhersage des kontrafaktischen Szenarios“. Das kontrafaktische Szenario beschreibt, was geschehen wäre, wenn etwas anderes nicht eingetreten wäre. In diesem Fall: Wenn es keine Seenotrettungs-NGOs gegeben hätte, wie hoch wäre dann die Zahl der Überquerungsversuche gewesen?
Schließlich konnten wir die Vorhersage mit den beobachteten Daten vergleichen, und das war unsere Antwort auf die Frage, ob die Seenotrettung eine Wirkung hat oder nicht.
Wie haben Sie den zu untersuchenden Zeitraum ausgewählt?
Wir sind so weit wie möglich in die Vergangenheit zurückgegangen, nämlich bis ins Jahr 2011, um eine längere Zeitreihe zu erhalten, damit das Modell etwas mehr über die Muster in den Daten lernen konnte. Der Höhepunkt der Überfahrten lag um die Jahre 2014 und 2015. Und wir gingen auch so weit wie möglich in die Zukunft, nämlich bis ins Jahr 2020. Anschließend unterteilten wir den Zeitraum in verschiedene Phasen: die Operation „Mare Nostrum“; Seenotrettungsmaßnahmen durch Nichtregierungsorganisationen; und der Beginn der Aktivitäten der libyschen Küstenwache in diesem Gebiet Anfang 2017.
Wir fanden keine Anzeichen dafür, dass die Seenotrettung einen Einfluss auf die Überquerungsversuche hat
Zu welchen Ergebnissen kamen Sie, und gab es dabei Überraschungen?
Das erste Ergebnis, das uns überraschte: Wir fanden keine Anzeichen dafür, dass die Seenotrettung einen Einfluss auf die Überquerungsversuche hat. Als wir jedoch die libysche Küstenwache in diesen Zeitraum mit einbezogen, zeigte sich tatsächlich ein Einfluss.
Es handelte sich um eine politische Kursänderung: die Ausweitung des libyschen Seenotrettungsgebiets und die Aufstockung des Budgets der Küstenwache durch die Europäische Union, um mehr Menschen zurück nach Libyen zu zwingen. Dies führte zu einem Rückgang der Anzahl der Überquerungsversuche. Das ging aus den Daten eindeutig hervor. Es ist nachvollziehbar, dass weniger Menschen die Überfahrt wagen, wenn sie Schmugglern Geld zahlen und dann trotzdem zurückgezwungen und inhaftiert werden.
Haben Sie bei der Untersuchung der „Operation Mare Nostrum“ festgestellt, dass es Auswirkungen gab?
Ebenfalls nicht. Das hatte keine Auswirkungen:

Das ist interessant: Als es also für kurze Zeit ein staatliches Seenotrettungsprogramm im zentralen Mittelmeer gab, hat dies nicht dazu geführt, dass mehr Menschen die Überfahrt wagten.
Nein, und ich denke, genau deshalb war es wichtig, die Anzahl von Konflikten sowie die Intensität der Konflikte in Libyen und Syrien zu berücksichtigen. Konflikte waren der ausschlaggebende Faktor, der die Menschen dazu trieb, so schnell wie möglich zu fliehen oder zu versuchen zu fliehen. Wenn man die Auswirkungen von Konflikten einbezieht, sagt das Modell voraus, dass mehr Menschen kommen werden.
Die meisten von ihnen sind Flüchtlinge oder streben den Flüchtlingsstatus an. Sie haben keine andere Möglichkeit, nach Europa zu gelangen.
Niemand [wird] sein Leben in einem kleinen Boot riskieren, wenn man sichere Einreisemöglichkeiten bietet
Gibt es auf der Grundlage Ihrer Studie politische Empfehlungen, die Entscheidungsträger:innen umsetzen könnten oder sollten?
Aus anderen Studien zu legalen Einreisemöglichkeiten ist bekannt, dass niemand sein Leben in einem kleinen Boot riskieren wird, wenn man sichere Einreisemöglichkeiten bietet. Wenn man das also verhindern will, muss man einfach diese Wege schaffen, zum Beispiel befristete Visa oder Arbeitserlaubnisse. Denn die Menschen treffen eine Entscheidung darüber, ob sie diese offensichtlich sehr riskante Reise antreten oder nicht, und zwar aus guten Gründen, die uns nicht immer bekannt sind. Wenn man die Rahmenbedingungen dieser Entscheidung ändern würde, würde sich auch die Zahl der Überquerungsversuche ändern.
Und Ihre Studie hat gezeigt, dass die Anwesenheit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bei dieser Entscheidung keine Rolle spielt.
Ja.
Es gibt Daten aus dem US-amerikanischen Kontext, die zeigen, dass in bestimmten Zeiträumen, in denen mehr legale Aufenthaltsgenehmigungen angeboten wurden, weniger irreguläre Überfahrten stattfanden.
Dies wurde jedoch nirgendwo anders wirklich überprüft, da die Migrationspolitik in Bezug auf Visa immer strenger geworden ist – bis zu dem Punkt, an dem es in vielen Ländern unmöglich ist, auch nur einen Termin für einen Visumantrag zu erhalten. Wenn man also keine andere Möglichkeit hat, einzureisen, ist die Überquerung des Meeres der letzte Ausweg.
Diese Frage nach dem „Pull-Faktor“ ist nach wie vor einer der größten Kritikpunkte, die wir in den sozialen Medien, von Politiker:innen und in den traditionellen Medien beobachten. Tatsächlich deuten jedoch Studien wie Ihre und frühere Untersuchungen sehr deutlich darauf hin, dass dies nicht der Fall ist. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum dieser Mythos des „Pull-Faktors“ nach wie vor so weit verbreitet ist?
Diese Arbeit war mein erster Kontakt mit dem Thema irreguläre Migration aus wissenschaftlicher Perspektive. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Debatte so sehr auf Europa konzentrierte. Es ging ausschließlich um die Leistungen, die Flüchtlinge erhalten: Sie müssen wegen unseres Geldes kommen, und das war’s. Wenn man die Debatte jedoch genauer betrachtet, wird klar, dass Europa tatsächlich nicht den Großteil der Flüchtlinge aufnimmt. Im Vergleich zu den Ressourcen, über die Europa verfügt, ist der Anteil gemessen an der Bevölkerung recht gering. Ein Land, das in Bezug auf Sozialleistungen nicht viel zu bieten hat, wie die Türkei oder der Libanon, hat weitaus mehr Flüchtlinge als beispielsweise Deutschland.
Als ich mit dieser Studie begann, dachte ich unter anderem: Der Pull-Faktor kann unmöglich ein Einflussfaktor sein, denn viele dieser Menschen haben die Sahara durchquert, die viel größer als das Mittelmeer und zudem sehr gefährlich ist. Wenn sie das geschafft haben, dann ist das, was sie antreibt – auch wenn wir nicht immer wissen, was es genau ist –, viel stärker als die Frage, ob es ein Rettungsschiff gibt oder nicht.
Viele dieser Menschen haben die Sahara durchquert, die viel größer als das Mittelmeer und zudem sehr gefährlich ist. Wenn sie das geschafft haben, dann ist das, was sie antreibt [...] viel stärker als die Frage, ob es ein Rettungsschiff gibt oder nicht.
Die Anwesenheit von Rettungsschiffen hat einen wichtigen Vorteil, nämlich die Rettung der Leben von Schiffbrüchigen. Aber als Faktor dafür, warum Menschen die Überfahrt wagen, ergibt das eigentlich keinen Sinn. Als Analogie ging mir immer wieder folgende Frage durch den Kopf: Gehen Menschen Risiken ein – wie zum Beispiel betrunken Auto zu fahren oder zu rauchen –, nur weil sie glauben, dass ein Krankenwagen da sein wird, um sie zu retten, oder dass sie medizinische Hilfe erhalten? Das ist lächerlich, oder? So funktionieren Menschen nicht. Denn man könnte trotzdem sterben. Vielleicht ist das Krankenhaus voll oder ausgelastet. Und bei Seenotrettungs-NGOs besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man nicht gerettet oder gar nicht erst gefunden wird.
Tatsächlich wurden im Rahmen einer Studie in Westafrika potenzielle Migrant:innen gefragt, ob sie sich des Sterberisikos bewusst seien, um sie über dieses Risiko aufzuklären, falls dies ihre Entscheidung beeinflussen würde. Dabei stellte sich heraus, dass die Menschen die Risiken für noch höher halten, als sie tatsächlich sind, aber dennoch auswandern wollen. Menschen tun gefährliche Dinge. Ich kann unmöglich vollständig nachvollziehen, warum jemand sich auf so ein Boot begeben würde. Vielleicht werde ich es verstehen, sollte ich es jemals selbst tun müssen. Es ist eine Frage der Verzweiflung. Das ist etwas, was den Menschen in Europa nur sehr schwer fällt zu begreifen, weil wir in dieser Blase leben und diese Verzweiflung im Alltag nicht sehen.